Grimms Grimmig am 5. Oktober 2018 um 20.30 Uhr in der Gackeleia in Ronneburg
HA
vom 20. Februar 2012


leerleerGrimms grimmig: Kein Stoff für zarte Männerseelen
Kleinkunst mit Kult-Status: Märchen von ihrer düstersten Seite


Ronneburg (ju). Sanft stimmen sich Auge und Ohr auf das Märchenidyll ein: Da sitzen drei Schauspieler auf der Bühne und halten sich im Arm. Einer, er könnte der Vater sein, trägt mit sanfter Säuselstimme eine Geschichte vor. Als die Wörter Blut, Messer, Rache und Tod ins Bewusstsein dringen, ist das harmonische Bild jäh zerstört: In der Geschichte sticht ein Kind dem Bruder das Messer in die Brust, die Mutter wird zu Furie und tötet ihn, während oben im Bad der Säugling ertrinkt. Dieter Gring, Claudia Brunnert und .Benedikt Selzner vom Team der Hanauer Brüder- Grimm-Märchen-Festspiele rauben mit „Grimms grimmig“ in der Ronneburger Kleinkunstbühne Gackeleia auch dem Letzten die Illusion, dass Märchen etwas für zarte Gemüter seien. PresseDie Bühnendekoration lässt schon im Vorfeld ahnen, dass dies kein heimeliger Vorleseabend werden würde. Drei weiße Pulte, mit großen Löchern versehene Spinnwebartige Stofffetzen auf schwarzem Grund, ein Schaukelpferd und eine Puppe. Mit diesen sparsamen Utensilien kommen Festspiel- Intendant und Schauspieler Dieter Gring und seine Kollegen Claudia Brunnert und Benedikt Selzner bei ihrer szenischen Lesung aus. Wobei sich die szenische Lesung nach der Pause zum mitreißenden Spiel steigert. Sie tragen mit der von Regisseur Klaus Philipp (bekannt als Festspieldarsteller) arrangierten Märchenauswahl die Geschichten in einer Fassung von 1857 vor, die die Freude an der schönen Sprache weckt und gleichzeitig Fassungslosigkeit über die Brutalität und den Spaß an makabren Details hervorruft. Neben dem an Brutalität nicht zu knappen Klassiker „Hänsel und Gretel“ sind eher unbekannte Märchen in der Sammlung wie „Die drei Schlangenblätter“ und „Der singende Knochen“. Auch das Märchen vom Hund und vom Sperling macht jedem Horrorfilm Konkurrenz und wirft die Frage auf, welchen nachhaltigen Schaden Kinderseelen wohl erlitten haben müssen, wenn sie lange vor dem Film-, Fernseh- oder Computerspiel- Zeitalter solch' blutrünstige Geschichten in die Finger bekamen. Denn dort rächt sich ein kleiner Sperling an einem bösen Fuhrmann, indem er seinen beiden Pferden die Augen auspickt, den Mann um Haus, Hof und Ehefrau bringt und am Ende noch erreicht, dass sich der derart in die Ecke Getriebene mit der Hacke erschlagen lässt.
Gring, Brunnert und Selzner kosten die schaurigen Momente genüsslich aus. Sie jonglieren aber so meisterlich mit den Mitteln von Ironie, Gruseleffekten und feinem Humor, dass der Zuhörer in seinem Schrecken immer wieder aufgerüttelt, ja oft sogar amüsiert wird. Mal wird eine durch menschliche Abgründe führende Geschichte am Stehpult vorgetragen, als handele es sich um den jüngsten Bilanzbericht eines Großkonzerns. Mal erhält ein szenisches Spiel über einen Riesen, der Menschenfleisch verspeist, sinnlich-erotische und vulgäre Akzente und versteigt sich in Sphären, die an die Odyssee oder Sindbad den Seefahrer erinnern. Claudia Brunnert erstaunt in ihrer Rolle mit hochgeschnallter Brust, Zombie-Frisur und fast durchsichtigem schwarzem Tüllrock. Gring und Selzner stehen ihr in punkto Grusel in nichts nach. Die Kultur-Scheune „Gackeleia“, war (und ist) der ideale Platz für die Aufführung.